Ist es die falsche Umgebung für meinen Hund?

  • Hallo zusammen,

    ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann so verzweifelt bin, dass ich mich in einem Forum an fremde Menschen wenden muss, aber ich bin einfach nur noch am Ende. Vielleicht hilft es mir, meine Gedanken zu sortieren.

    Ich hatte schon immer Molosser, darunter auch schwierige Fälle, und sie haben mich immer als konsequente, aber liebevolle Bezugsperson akzeptiert. Ich arbeite mit klaren Regeln, setze Grenzen und bin dabei immer fair. Bei jedem Hund gab es bisher einen Trainingsansatz, der funktioniert hat – irgendwann hat es bei allen klick gemacht. Aber bei ihm habe ich das Gefühl, als gäbe es keinen Zugang. Keine Methode zeigt Wirkung.

    Mein jetziger Hund ca. 1 1/2 J. alt (aus dem Auslandstierschutz, seit über einem halben Jahr bei mir) war anfangs unsicher, nicht stubenrein, aber sehr auf mich fixiert. Der Rückruf funktionierte damals super, und er orientierte sich stark an mir. Doch dann kam die Geschlechtsreife – und ich habe das Gefühl, dass ich plötzlich einen komplett anderen Hund habe. Ich kenne die Pubertät und speziell die Rasse gut, aber was hier gerade abgeht, ist eine völlig neue Dimension.

    Die größten Probleme:

    Kontrollverhalten: In der Wohnung versucht er ständig, mich zu kontrollieren. Ich schicke ihn konsequent auf seinen Platz, aber er ignoriert es oder kommt direkt wieder.

    Nervosität & fehlende Impulskontrolle: Er kann sich kaum runterfahren, dreht plötzlich hoch, bekommt Zoomies an der Leine und ist extrem reizempfänglich.

    Null Frustrationstoleranz: Sobald etwas nicht nach seinem Kopf geht, ist Eskalation angesagt. Mittlerweile springt und schnappt er (nicht mit Zerstörungsabsicht), wenn ich ihm nicht erlaube, an mir hochzuklettern. Er springt frustriert in seinem Bett herum, knurrt und macht Krawall. Dabei akzeptiert er kein Nein und wird allgemein immer ungehaltener.

    Immer mehr unkontrolliertes Verhalten: Er springt jetzt auch Besuch an, dreht völlig am Rad und hat letztens sogar versucht, ein Kind anzuspringen – etwas, was er vorher nie gemacht hat. Ich halte ihn manchmal für unberechenbar, auch wenn er keine Aggressionen zeigt, in dem Sinne, dass er mutwillig einem Menschen schaden möchte. Aber seine Frustration nimmt immer weiter zu, und es fühlt sich an, als ob er völlig unausgelastet ist.

    Kann nicht allein bleiben: Ich habe das Alleinbleiben kleinschrittig aufgebaut, aber er bellt, zerstört alles und ist völlig außer sich, selbst nach Monaten des Trainings. Egal, wie sehr ich ihn auslaste oder mich mit ihm beschäftige, er zeigt in dem Bereich keine Besserung. Ich habe schon einen Brief vom Vermieter bekommen.

    Lecken als Übersprungshandlung: Er leckt sich mittlerweile übermäßig, besonders an den Pfoten. Es wirkt wie eine klassische Zwingerhundstereotypie – gesundheitlich ist alles abgeklärt, es scheint rein stressbedingt zu sein. Er scheint seine innere Unruhe nicht anders kompensieren zu können.

    Rückruf existiert nicht mehr: Früher top, jetzt absolute Katastrophe. Er rennt einfach los – Spielzeug, Leckerli, nichts interessiert ihn. Schleppleine geht nicht mehr, weil er zu groß und kräftig ist – Verletzungsrisiko für uns beide.

    Leinenführigkeit = Albtraum: Er weiß, was „Fuß“ ist, aber es klappt nicht. Ohne Halti würde ich körperlich nicht mehr klarkommen. Joggen oder Radfahren ist unmöglich, weil er plötzlich in die Leine springt und unberechenbar ist.

    Training fruchtet nicht: Leckerli funktionieren nur situativ – er nimmt sie, führt kurz aus, und macht dann sofort wieder das Fehlverhalten. Spielzeug ist schnell uninteressant. Gerüche und andere Hunde sind ihm immer wichtiger als alles, was ich ihm anbiete. Gemeinsame Interaktion ist schwierig, weil er oft zu ruppig und ungehalten ist.

    Fremdkörper-Fressen & Dauerstress: Egal ob draußen oder drinnen, er leckt ständig alles ab, frisst ungenießbare Dinge und ist durchgehend in einem „Fressmodus“, als wäre er gar nicht anwesend.

    Ich bin total hin- und hergerissen.

    Ich weiß nicht mehr, ob ich ihm in dieser Umgebung wirklich gerecht werden kann. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass seine Probleme nicht nur an seiner Pubertät oder mangelndem Training liegen, sondern vor allem daran, dass er einfach nicht für dieses Leben gemacht ist.

    Er kommt aus einer völlig anderen Haltung – eingezäuntes, riesiges Grundstück, Toben mit dem Rudel, Schlafen im Zwinger. Es wurde scheinbar nie etwas von ihm verlangt. Und jetzt lebt er mitten in der Stadt, mit tausend Reizen, wenig Freilauf und ganz anderen Anforderungen. Ich fürchte, dass er hier niemals wirklich ankommen wird.

    Ich denke jeden Tag, dass es keinen Sinn mehr mit ihm macht, aber dann sehe ich sein süßes Gesicht und es zerbricht mir das Herz, nur beim Gedanken daran, ihn abzugeben. Ich liebe ihn, aber ich merke, dass ich nicht mehr kann.

    Meine Freunde sagen mir alle, dass ich kein Leben mehr habe, seit er da ist. Ich kann nicht mehr meinen Hobbys nachgehen, ich treffe keine Freunde mehr, ich gehe nur gestresst mit Babyphone kurz zum Supermarkt, dann Gassi (was mit ihm purer Stress ist), und verbringe den Rest des Tages damit, mich von seinen Eskapaden zu erholen. Ich weine ständig, weil ich mich so überfordert fühle. Und scheinbar habe ich stark abgenommen – wahrscheinlich wegen des Dauerstresses mit ihm.

    Ich habe sogar schon überlegt, mich an den Tierschutz zu wenden und zu fragen, ob sie mir eine Pflegestelle für ihn organisieren könnten, damit ich zumindest mal eine Pause bekomme. Aber ich habe Angst, dass sie mir dann sofort die Entscheidung abnehmen und ihn mir wegnehmen, ohne dass ich noch eine Wahl habe.

    Ich will es irgendwie nicht wahrhaben. Ich wollte nie zu den Menschen gehören, die einen Hund abgeben, weil es „nicht passt“. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, fühlt sich unser Zusammenleben nicht nach einem glücklichen Hundeleben an – und für mich fühlt es sich auch nicht mehr nach Leben an. Es besteht eigentlich nur noch aus Management und Diskussionen. Mittlerweile bin ich mir fast sicher, dass wir beide in einer anderen Umgebung besser harmonieren würden oder er einfach in seiner gewohnten Umgebung glücklicher wäre.

    Hat jemand hier mal in einer ähnlichen Situation gesteckt? Ich weiß einfach nicht mehr weiter.

  • flying-paws

    Hat den Titel des Themas von „Falsche Umgebung,“ zu „Ist es die falsche Umgebung für meinen Hund?“ geändert.
  • Ähm,


    darf ich mal fragen, um welche Rasse es genau geht?

    Molosser ist ja nicht immer gleich Molosser :ka:

    Und jeder Hund ist anders, ja auch schon mal innerhalb der gleichen Rasse.



    Und natürlich hat auch die frühe Prägung Auswirkung auf das Verhalten vom Hund.

    Die Frage wäre ja auch, konnte er als junger Hund auch "Stadt" und was damit alles zusammenhängt kennenlernen?

    Ansonsten müßtest Du wahrscheinlich einen komplett anderen Trainingsansatz machen, als Du es bisher so gewohnt bist.

  • darf ich mal fragen, um welche Rasse es genau geht?

    Der Frage schliesse ich mich an.


    Für mich klingt das erstmal alles nach "der Hund ist völlig drüber". Die Frage ist: warum?

    Erzähl mal etwas mehr von Eurem Tagesablauf, was fütterst Du, all sowas.

  • Phönotyp Ridge Boxer evtl. Labrador. Er kennt nur die ländliche Umgebung. Ich habe verschiedene Trainingsansätze probiert, die scheinbar alle zu scheitern scheinen aufgrund seiner Reizoffenheit. Er bekommt getreidefreies gut verdauliches Futter und ich habe ihn vorher nicht kennenlernen können, da er nicht hier auf einer Pflegestelle war.

  • Du hörst dich richtig verzweifelt an, fühl dich mal gedrückt 🫶


    Welche Rasse ist es denn?

    Du schreibst dass er aus dem Ausland kommt, kennst du etwas zur Vorgeschichte / Lebenssituation?

    Es hört sich an als wäre er 24/7 im Dauerstress, warum auch immer.

    Wie ist euer Tagesablauf? Wie ist die Umgebung bei dir?

  • Sorry, sagt mir echt nix!

    Magst Du ein Foto hier einstellen?




    Mal so allgemein, was Du alles so genannt hast:

    Ridgeback ist eigentlich eher eine Jagdhunderasse, reiner Sichtjägern, wenn ich mich nicht täusche,

    Boxer eine Gebrauchtshunderasse, clownig unterwegs,

    Labrador ist wiederum eher Jagdhunderasse, Wasserapportierhund, auch gerne als Familienhund gesehen.


    Das würde schon ein bißchen die Reizoffenheit erklären.

    Wenn die Aufzucht eher schlecht war, dann wohl noch zusätzlich :denker:


    Wie kommst Du dann auf "Molosser"?

    Mir ist schon klar, daß man den Boxer durchaus in diese Kategorie steckt. ;) Trotzdem ist es ja nicht so, als ob man einen Mastiff hätte.

  • Der Hund ist jetzt seit sechs Monaten bei dir. Wahrscheinlich war er anfangs einfach überwältigt und hat sich deshalb stark an dir orientiert. Möglicherweise wurde er dadurch auch zu schnell mit einer reizintensiven Umgebung konfrontiert. Er schien ja anfangs freundlich. Jetzt wirkt er in deinem Text überdreht und völlig überfordert. Dadurch auch unfähig zu lernen. (So schnell würde ich dir Methoden, die du probierst nicht durchwechseln)


    Euer Tagesablauf wäre wirklich wichtig. Hat der Hund überhaupt die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und entspannte Momente zu erleben? Kann er sich irgendwo wirklich entspannen?


    Hast du mal nachts oder sehr früh morgens einen Spaziergang ausprobiert? Ist es dann besser?


    Könnte es an der falschen Umgebung liegen? Ja sicher, aber auch der Umgang mit ihm kann eine Rolle spielen.


    Ich hatte selbst einen Hund, der aus Panik um sich biss, wenn ein Blatt fiel oder ein Auto vorbeifuhr. Genau deshalb bin ich damals hier im Forum gelandet. Es wird dazu unzählige Meinungen geben.

    Am Ende war entscheidend, wie weit ich bereit war, mich den Bedürfnissen meines Hundes anzupassen und mein Leben entsprechend umzustellen – und natürlich, wie groß die körperliche Gefahr für mich und andere war.


    Wir gehen bis heute um 5 Uhr morgens unsere große Runde. Gerade am Wochenende ist das in der Stadt die reizfreie Zeit schlechthin. Routinen dürfen nicht gebrochen werden... Nach Jahren wurde es viiiel besser, aber unser Leben folgt immer noch einem antizyklischen Rhythmus zur Stadt.


    Ich kann deinen emotionalen Tumult verstehen. Und auch das Forum kann da wirklich helfen. Versuch offen zu sein. Und versuche die guten Dinge an deinem Hund zu sehen. Euren Fortschritten. Aber sichere dich und andere. Vielleicht wäre ein Maulkorb keine schlechte Idee.


    Edit. Und nein, mein Leben ist nicht so wie vorher. Auch Freunde habe ich verloren. Dafür habe ich ganz andere neue Dinge gefunden.

  • Naja, allein der Umzug von ländlicher Umgebung, ohne Reize nur mit seinem Rudel, in eine Stadt, ist schon Stress genug!


    Dann das Erwachsenwerden von einem Mix, wenn man nicht weiß, welche Rasse wie durchschlagen wird.


    Ein gesunder Hund in dem Alter, der sich nie körperlich verausgaben kann.


    Wenn wirklich Molosser, ist es auch kein Wunder, wenn er nicht mit Leckerli oder Spielzeug zu motivieren ist.


    Dann wahrscheinlich ein Modell, das sich nicht gerne in die Schranken weisen lässt.


    Wenn wirklich Molosser, ist oft ein Kontrollgen eingebaut.


    So, das sind nur die Punkte, die mir auf die schnelle einfallen, warum es problematisch sein kann.


    Dein Hund braucht noch mindestens zwei Jahre, um erwachsen zu werden.


    Hast du denn einen fähigen Trainer an deiner Seite, davon schreibst du nämlich nichts.

  • Zu den wichtigsten Sachen wurde schon etwas gesagt.

    Leckerli funktionieren nur situativ – er nimmt sie, führt kurz aus, und macht dann sofort wieder das Fehlverhalten.

    Das hier klingt für mich nach Verhaltenskette. So als habe dein Hund gelernt, erst etwas falsch zu machen, dann korrigiert zu werden und dafür das Futter zu bekommen. Kannst du das näher beschreiben? Zusammen mit der eher reizoffenen Art kann das zu viel Frust führen. Und oftmals bemerkt man es selbst gar nicht, dass man das Fehlverhalten selbst bestätigt hat.

    Hast du jemanden der da mal drauf geschaut hat? Außenstehende bekommen das oftmals eher mit als man selbst.


    Fühl dich mal gedrückt. Du scheinst da wirklich auf dem Zahnfleisch zu gehen.

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