Ach, Mensch, ich kann es doch soooo gut nachvollziehen. Den Adrenalinstoss, den man verspürt, wenn der Hund wieder loslegt, und die Hilflosigkeit, die einem bis in Haarspitzen reinkriecht. Die Blicke brennen einem fast schon auf der Haut, und das eigene Nervenkostüm ist nahe am Platzen, am liebsten würde man nur noch wegrennen oder selber losschreien...
Ich will gar nicht davon reden, wie falsch ich mich da in der Vergangenheit manchmal verhalten habe. Nur eben dass die eigene Anspannung wirklich Teil, wenn nicht sogar Verstärker des Problems ist. Man kann seine eigene Einstellung (die oft selber erziehungsbedingt ist) nicht so einfach über Nacht abschütteln. Aber genau da hilft es, eine starkes Netz an verständnisvollen Menschen zu haben, das die eigenen Unsicherheiten etwas auffängt. Etwa andere Hundebesitzer mit ausgeglichenen Hunden, mit denen man sich zum Gassigehen trifft, und die sowohl dir als auch deinem Hund Ruhe und moralische Unterstützung vermitteln können (auch wird man in der Gruppe seltener von Passanten angemosert). Solche Kontakte lassen sich z.B. über die Hundeschule finden, oder über Kontaktanzeigen. Oder einen erfahrenen Hundetrainer, der einen ein paarmal auf alltägliche Gassigänge begleitet und vor allem DICH schult, in angespannten Situationen gelassen und angemessen zu reagieren. Oder auch der eigene Partner, der (ebenfalls eingeweiht und angeleitet), einen im Notfall wieder auf den Boden der Gelassenheit runterbringt, und wenn auch nur mal kurz ein freundliches Wort mit den scheinbar entsetzten Passanten wechselt, während man selber noch alle Hände voll mit dem dem Hundekasper zu tun hat. Bei mir war Letzteres wirklich eine grosse Hilfe, weil ich mich oft so schlecht gefühlt habe, wenn mein Hund mal wieder am Austicken war und ich mich vor lauter Gebelle nicht mal bei den Leuten entschuldigen konnte. Wenn mein Partner dann ankam und z.B. meinte "Du, die Leute haben gesagt, ihr Hund zu Hause bellt auch oft Leute an", oder "du, die Frau fand das gar nicht so schlimm", dann war das jedes Mal eine riesige Erleichterung.
Anm: Mein Hund pöbelte vom Junghundealter an aufs Übelste Jogger und Radfahrer an, sowie Menschen, die sich auf irgendeine Weise verhielten, die ihm nicht behagte.
Klar, die persönliche Konstellation zwischen dir und deinem Hund ist vielleicht momentan suboptimal, weil ihr beide unsicher seid. Aber ihr könnt miteinander lernen. Vor allem kannst Du lernen, aktiv in Situationen hineinzugehen, mental vorbereitet zu sein ("was ist zu tun, wenn er XX macht, wie reagiere ich, wenn er YY macht"), und dich nicht in der Opferrolle zu fühlen ("jetzt macht mich der Hund schon wieder zum Spektakel").
Es gibt gute Trainer, die einem sowas beibringen. Aber man lernt es nicht unbedingt in der Gruppe auf dem Platz der Hundeschule, darum würde ich mich an deiner Stelle vielleicht doch mal nach Einzelstunden bei einem Trainer umsehen, der deinen Hund und dich als Einheit betrachtet und sich nicht nur auf das momentan störende Fehlverhalten konzentriert. Wenn's ein guter Trainer ist, reicht eine absehbare Anzahl an Stunden und man wird auch nicht zum Dauerpatient. Wenn du dir jetzt, wo dein Hund noch so jung ist, die Mühe machst, stellt sich der Erfolg schneller ein, als wenn sich das Verhalten bei euch beiden über längere Zeit gefestigt hat.
Und halt dir immer vor Augen (oder lies mal hier die ganzen threads im DF): die Hunde anderer Leute sind auch nicht perfekt. Man denkt oft schnell, man sei allein auf der Welt. Aber es gibt sooo viele Leute, deren Hunde nicht so funktionieren, wie sie sollen, und die sich genauso hilflos fühlen wie du momentan. Nur Mut! Du hast nen tollen Hund, und ihr kriegt das hin!
Ach ja, und zum Vorschlag des "Vertreibens", wenn er andere Hunde anpöbelt. Ich nehme an, dies passiert, wenn er im Freilauf ist? Und was meinst du mit Welpenstunde - dein Hund ist doch sicher schon zu alt, um noch mit Welpen in der Gruppe zu toben? Junghunde sind körperlich und motorisch Welpen überlegen, darum ist bei den meisten Hundeschulen ab 16 Wochen Schluss mit Welpenstunde, und die Junghunde kommen in spezielle Junghundegruppen. Aber ich geh mal davon aus, dass du Junghundegruppe gemeint hast. Wenn dein Hund also mobbt oder pöbelt, nimmst du ihn am besten aus der Situation heraus und behältst ihn bei dir, ohne ihm gross Aufmerksamkeit zu widmen. Leg ihn neben dich ins Platz und besteh darauf, dass er liegen bleibt (notfalls den Fuss so auf die Leine stellen, dass er sich zwar noch aufsetzen, aber nicht weg kann). Im Liegen kann er eher runterfahren und sich beruhigen, wenn er sich zu sehr hochgepuscht hat. Mit "Vertreiben" bringst du meiner Meinung nach erst recht Unruhe in die Sache. Für meinen Hund waren damals die Trainingsstunden einfach zu lang, der konnte sich gar nicht so lange konzentrieren und fing irgendwann an, den kläffenden Klassenkasper zu machen. Da half es nur, rechtzeitig vom Platz zu gehen (auch wenn die Hundetrainerin protestiert, du hast das Recht dazu, wenn du merkst, es geht nix mehr bei deinem Hund). Mit der Zeit wurde es von selber besser, und mittlerweile (er ist jetzt 2,5) ist er auf dem Platz die Ruhe selbst.
Im Büro (auch da kenne ich das Problem, denn das hatten wir auch) würde ich Hundi einen festen Platz zuweisen, auf dem Hundi die Arbeitszzeit über bleiben soll und von dem die Kollegen (und auch der Chef) bitte wegzubleiben haben. Ich fand´s bei meinem Hund auch schade, aber es ist halt nicht jeder zum Everybody´s Darling Bürohund geboren. Manche Hunde sind einfach damit überfordert, wenn Leute ständig raus- und reinkommen, um sie rumlaufen und sich unterhalten. Wenn Hund nen Platz hat, an dem niemand was von ihm will (also auch den Hund nicht ansprechen, streicheln, Leckerlis geben etc.) und er lernt, dass ihn der Rest nichts angeht, ist das für alle angenehmer und er muss auch niemanden anknurren.