Niamh Ní Mhaoileoin – Ordinary Saints
"I'm an odd child from an odd family, and the biggest problem is that I don't realise it."
"Jay wuchs in einem strenggläubigen Haushalt in Irland auf und lebt heute mit ihrer Freundin in London. Sie ist entschlossen, jeden Moment zu genießen und weder über die Zukunft noch über die Vergangenheit nachzudenken. Als sie jedoch erfährt, dass ihr geliebter älterer Bruder, der bei einem schrecklichen Unfall ums Leben kam, möglicherweise zum katholischen Heiligen erklärt wird, wird ihr klar, dass sie sich endlich ihrer Familie, ihrer Kindheit und sich selbst stellen muss ..."
Aus Jacinta's Perspektive – nach ihrem Coming out sich selbst als Jay bezeichnend – wird hier eine sehr interessante Diskussion um die Frage "Wer entscheidet darüber, wie das Vermächtnis einer Person nach ihrem Tod gestaltet wird – und wie viel davon entspricht der Wahrheit und wie viel ist Mythos?" aufgemacht. Die drei Teile um Jay's gegenwärtiges Leben und Umbrüche, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dann Versöhnung und Neudefinition bilden keinen klar abgegrenzten, stringenten Handlungsbogen, eher ist alles miteinander verwoben und Jay's Erinnerungen und ihr konstanter Kampf mit ihrer Identität und Religion sind fortwährend Thema. Der Fokus liegt klar auf Jay's subjektiven Erinnerungen statt der objektiven Wahrheit, da sie ihren Bruder wie ihre Familie nur von einer Seite sehen kann, ihre privaten Ansichten und Erinnerungen stehen in Kontrast zu den öffentlichen Erzählungen über ihren Bruder, der schon früh wusste, dass er Priester werden wollte.
Erforschte Themen sind: Trauer und Erinnerung, Religion und das Erbe der katholischen Kirche, queere Identität vs. religiöse Tradition, Mythenbildung und Heiligkeit, Schweigen in der Familie und emotionale Unterdrückung
Die Stärken des Buches liegen für mich in der nuancierten Darstellung von Jays Innenleben. Ihre Gefühle gegenüber ihrem Bruder, ihren Eltern und ihrem Glauben sind widersprüchlich und ungelöst, was sie zu einer äußerst realistischen Figur macht. Anstatt die Kirche als rein bösartig darzustellen, zeigt der Roman Gläubige, die mitfühlend, aber fehlgeleitet sind sowie Institutionen, die Leben auf komplexe Weise prägen. Die Kritikpunkte an der Kirche, die Jay hervorbringt, sind wichtig und richtig, man merkt aber, dass diese Themen nicht einfach zu beantworten sind und Religion in den Menschen tief verwurzelt ist. Die einzigen Schwächen der Geschichte liegen für mich darin, dass einige Charaktere sich manchmal inkonstent verhalten und Nebencharaktere gern etwas mehr Tiefe verdient hätten.