Beiträge von Estandia

    Mein Vater, James Witherspoon, ist ein Bigamist. Er war schon zehn Jahre verheiratet, als er meiner Mutter zum ersten Mal begegnete. 1968 arbeitete sie am Einpacktresen von Davison's in der Innenstadt, wo mein Vater sie bat, ein Tranchiermesser als Geschenk zu verpacken, das er seiner Frau zum Hochzeitstag gekauft hatte. Mutter sagte, ihr sei klar gewesen, dass zwischen einem Mann und einer Frau etwas im Argen liegt, wenn eine Klinge verschenkt wird.


    Tayari Jones – Das zweitbeste Leben

    Claire Fuller – Bitter Orange / Bittere Orangen


    "Im Sommer 1969 geschehen zwei Dinge im Leben von Frances Jellico, die sie zum ersten Mal Freiheit und Selbstbestimmung empfinden lassen: Ihre dominante Mutter stirbt, und sie erhält den Auftrag, für das Lynton Herrenhaus ein architektonisches Gutachten zu schreiben. Frances löst ihre Londoner Wohnung auf und richtet sich für einige Wochen in Lynton ein. Die einzigen Bewohner des einsamen Hauses sind Cara und Peter, das Hausmeisterpaar, zu dem sie rasch eine enge, komplizierte Beziehung entwickelt. Denn Cara macht sie zu ihrer Vertrauten, während Frances sich zunehmend zu dem undurchschaubaren Peter hingezogen fühlt. Das Ende dieses Sommers besiegelt ein Ereignis, das für Frances den Rest ihres Lebens auf tragische Weise beeinflussen wird."


    Ein gediegener slow-burn Thriller, mit einer dunkeln psychologischen, schwer im Hintergrund mitschwingenden, Note. Es scheint Fuller's Art zu sein, mehr aufzubauen als einzulösen. Man vermutet immer "etwas mehr", die Ereignisse sind immer "etwas grusliger", man interpretiert in mehrere Richtungen, doch am Ende bleibt die Erzählung eine kleine Geschichte ohne große unglaubwürdige Abschweifungen, ich mochte es sehr.


    Frances erzählt ihre Geschichte des Sommers einem ehemaligen Pfarrer, der sie am Sterbebett besucht und ihr ein Geständnis über das entlocken möchte, was wirklich geschehen ist. Frances ist allein durch ihren desolaten Zustand unzuverlässige Erzählerin, doch langsam merkt man, dass sie sich absichtlich widerspricht, ausweicht und schweigt. Frances ist, wie Cara, ein faszinierender Charakter, gerade die Beziehung zu ihrer Mutter, die sie lange gepflegt hat, war unglaublich interessant, da hätte ich gern noch mehr von gelesen. Überhaupt fand ich die toxischen Dynamiken sehr spannend.


    Erforschte Themen sind Einsamkeit und Isolation, unzuverlässige Erinnerungen und Wahrheit, Besessenheit und Begehren, Schuld und Verantwortung, Täuschung und Manipulation, Verfall und der Lauf der Zeit.

    Sarah Crossan – Where the heart should be


    "Die 16jährige Nell arbeitet als Küchenmädchen im „Großen Haus“ des Gutbesitzers Wicken. Einst liebte sie die Schule, Bücher und Träume. Aber es gibt nicht viel Auswahl an Arbeit, wenn das Land Lebensmittel anbaut, die in der Erde verrotten. Jetzt schrubbt, schält, wäscht und fegt sie für Lord Wicken, den Mann, dem ihr Haus, das Land ihrer Familie, die Ernten, einfach alles gehört. Seine Hunde werden immer gut gefüttert, selbst als die Hungersnot ausbricht. Oben im großen Haus, den Bereich Nell nicht betreten darf, wohnt Johnny Browning, der gerade aus England angekommen ist: der junge Neffe, der eines Tages alles erben wird. Und während um sie herum Hunger und Krankheit grassieren, entzündet sich ein Funke des Lebens und der Hoffnung, als Nell und Johnny zueinander finden. Dies ist eine Liebesgeschichte und die Geschichte eines Volkes, das auseinandergerissen wird."


    Sarah Crossan erzählt hier, in typischer Vers-Form, die Geschichte eines Mädchens, das zu früh erwachsen werden musste und mit einem schwindend geringen Lohn zum Ernährer einer 4köpfigen Familie wird. Zur Zeit der irischen Hungersnot arbeitet Nell für einen britischen Gutsbesitzer, dass sie und Johnny sich verbotenerweise näher kommen ist dabei nur eines von vielen Problemen, die nach und nach zu Tage treten.


    Unglaublich starke Erzählstimme, oft gefasst, gegen Ende sehr emotional, fernab typischer YA/Jugendliteratur, obwohl Nell und Johnny erst 16/17 sind. Hauptthemen sind natürlich die Große Hungernot 1845–49, Liebe und Verlust, Familienbande, soziale Ungerechtigkeit und das Aufeinandertreffen verschiedener Klassen und Kulturen sowie die Auswirkungen des Kolonialismus und der systemischen Ungleichheit auf Einzelne und Gemeinschaften.

    Jess Kidd – Himself / Der Freund der Toten


    "Ein kleines Dorf, sein dunkles Geheimnis und eine gefährliche Begegnung mit der Vergangenheit ... Der charmante Gelegenheitsdieb Mahony glaubte immer, seine Mutter habe ihn aus Desinteresse 1950 in einem Waisenhaus in Dublin abgegeben. Sechsundzwanzig Jahre später erhält er einen Brief, der ein ganz anderes, ein brutales Licht auf die Geschichte seiner Mutter wirft. Mahony reist daraufhin in seinen Geburtsort, um herauszufinden, was damals wirklich geschah. Sein geradezu unheimlich vertrautes Gesicht beunruhigt die Bewohner von Anfang an. Mahony schürt Aufregung bei den Frauen, Neugierde bei den Männern und Misstrauen bei den Frommen. Bei der Aufklärung des mysteriösen Verschwindens seiner Mutter hilft ihm die alte Mrs Cauley, eine ehemalige Schauspielerin. Furchtlos, wie sie ist, macht die Alte nichts lieber, als in den Heimlichkeiten und Wunden anderer herumzustochern. Sie ist fest davon überzeugt, dass Mahonys Mutter ermordet wurde. Das ungleiche Paar heckt einen raffinierten Plan aus, um die Dorfbewohner zum Reden zu bringen. Auch wenn einige alles daran setzen, dass Mahony die Wahrheit nicht herausfindet, trifft er in dem Ort auf die eine oder andere exzentrische Person, die ihm hilft. Dass es sich dabei manchmal auch um einen Toten handelt, scheint Mahony nicht weiter zu stören ..."


    Ein gutes Jahr vor "Heilige und andere Tote" erschienen, ist dieses Buch jenem sehr ähnlich. Historischer Thriller mit Magical Realism-Elementen. Reihenweise kauzige und böse Charaktere, ein interessantes dörfliches Jeder-kennt-jeden-Setting und eine, an Tempo gewinnende, spannende Geschichte. Mir hat es sehr gefallen! Am Ende passiert sehr viel was dem Überblick ein wenig schadet, die Dual-Perspektive zwischen Mahony und seiner Mutter war für mich etwas zu schwach, der Großteil der zig (aufeinanderfolgenden) Kapitel ist immer mit April/Mai 1976 betitelt und es gibt nur wenige Kapitel mit Mahoney's Mutter. Mahoney hat sich in jedem Kapitel auch mindestens 10 Zigaretten angesteckt ... die umherwandelnden Toten fand ich allerdings fantastisch. Schön zur Geltung kam, dass nicht alle Interesse an ihm haben und ihm in keinster Weise irgendwie helfen wollten oder Hilfe brauchten. Sie waren einfach da, schwebten umher und taten was sie wollten. Den typisch dunklen spitzfindigen Humor mochte ich wieder sehr gern, die Geschichte fühlte sich durch den schlauen Dialoge fassbar irisch an.

    Katherine Rundell – The Golden Mole and other vanishing Treasures / Warum die Giraffe nicht in Ohnmacht fällt (Sachbuch)


    "Katherine Rundell nimmt uns mit auf eine Reise rund um den Globus zu den seltsamsten und beeindruckendsten Tieren der Welt, darunter Schuppentiere, Wombats, Lemuren und Seepferdchen. Doch jedes dieser Tiere ist vom Aussterben bedroht. Und so ist dieses leidenschaftlich überzeugende und scharfsinnig witzige Buch auch ein dringender, aufrüttelnder Appell: zu schätzen und zu handeln – um die verschwindenden Wunder der Natur zu retten, bevor es zu spät ist."


    Fantastisches, superinteressantes Buch, 21 spezielle Tiere (teils stellvertretend für ihre jeweiligen Gattungen und Unterarten) werden angesprochen. Die Kapitel sind kurz und folgen einem Schema aus geschichtlichem Abriss, historischen Anekdoten, speziellen Eigenarten und Besonderheiten der Tiere und ihrer aktuellen Situation, die bei wirklichem jedem Tier richtig richtig miserabel ist. Die letzten Zeilen in jedem Kapitel sind echt ein Weckruf und mich haben diese oft erschüttert, was wir Menschen unserer Flora und Fauna antun. Das letzte Kapitel handelt vom Menschen und enthält eine Fabel, die jedem von uns zu denken geben sollte.