Hallo Apollo,
Ich antworte jetzt mal immer in kurzen Abständen abschnittsweise.
Vorweg erstmal - für jemanden, der sich als Hundeneuling bezeichnet, machst Du Dir sehr viele Gedanken und vor allem die richtigen Gedanken. Ich glaube, dass Du da "ein Händchen für hast" und dass Hermes richtig Glück damit hatte, bei Dir gelandet zu sein.
Der "normale" Ablauf für einen Welpen ist ja in erster Linie ein Leben zwischen geborgenem Schlafen, Futter, Spielen mit den Geschwistern und der Mutter und kleinen, aufregenden Ausflügen an der Seite der Mutter, die Sicherheit vermittelt und die Umgebung quasi im Auge behält... Dieses Urvertrauen, dass da wer ist, der aufpaßt, müssen wir Menschen versuchen, nachzuahmen... Und das ist manchmal schwieriger, als man denkt, denn wir Menschen "ticken" in Sachen Umgang mit Angst völlig anders als Hunde...
Die Frage, die man sich vorweg stellen muss, ist einmal die, wofür Angst überhaupt gut ist und dann die, wie ich als Mensch dem Hundekind Sicherheit vermitteln kann.
Den normalen Level, auf dem ein Hundekind seine Umwelt entdeckt, würde ich jetzt einfach mal als mißtrauische, aber neugierige Vorsicht bezeichnen - das sind dann die Momente, wo ein Welpe sich auf Umwegen, einem unbekannten Ojekt nähert, es anstupst, einen Satz zurückmacht, wieder vor geht und allmählich immer mutiger wird... Das ist sinnvolles und normales Lernverhalten, denn "unvorsichtiges" Draufgängertum kann zu bitteren bis tödlichen Lebenserfahrungen führen.
Ein extrem unsicherer bis ängstlicher Welpe, hat nie lernen dürfen, wie man sich so einem unbekannten Objekt "sinnvoll" annähern kann - solch ein Welpe will nur eines, wenn er etwas neues sieht, nämlich abhauen. Und zwar abhauen unter Ausschüttung von Angsthormonen - die, die bei Hermes vermutlich für ein dauerhaft recht hohes Streßlevel sorgen. Angsthormone haben theoretisch einen sinnvollen Zweck, sie ermöglichen dem Welpen die extremen körperlichen Anstrengungen, die eine Flucht vor einem Angreifer erst möglich machen... Aber die wirkliche Flucht kann Hermes nicht ausleben (brauch er ja auch gar nicht, später mehr dazu), was dazu führt, dass sich ein gewisser Fluchthormon-Spiegel im Blut breit macht und dort auch nicht mehr verschwindet.... Das entwickelt sich zum Teufelskreis, denn vollgepumpt mit Fluchthormonen reagiert er beim nächsten Aufeinandertreffen mit einem Angstauslöser noch bereitwilliger mit Flucht und das Ganze führt ebenfalls dazu, dass er sich nicht mehr wirklich entspannen kann und fast immer unter einem recht hohen Streßpegel läuft....
Um diesen Streßlevel runterzufahren, solltest Du einen Versuch starten, mögliche Angstauslöser für eine kleine Weile auf ein Minimum herunterzufahren, das heißt tatsächlich vielleicht z. B. erst mal wieder nur im vertrauten Olivenhain-Terrain unterwegs zu sein und gezielt die Entspannungsmöglichkeiten für Hermes zu fördern. Dazu gehört auch das Kuscheln im Bett oder auf der Couch - denn dort sind auch wir Menschen am entspanntesten....
Versuch, Situationen daheim zu vermeiden, in denen sich Hermes bisher einfach verzogen hat.... Staubsaugen, z. B. Dieses Ungetüm ist auch für einen normalen Welpen schon eine große Herausforderung, für Hermes nun erst recht.... Saug Staub, wenn die Hunde draußen, oder mindestens mal kurz im Nebenzimmer sind... Und nähere Dich mit Hermes dem "stillen" Staubsauger, der dann halt mal eine Zeit lang erst mal a weng im Weg rumsteht, anfangs erst wie zufällig beim Spielen...dann stellst Du ihn auch wie zufällig beim Spielen mal ein wenig zur Seite, irgendwann nimmst Du mal das Saugrohr und fuhrwerkst ein wenig damit rum - also in ganz kleinen Minischritten.... Hermes sollte sich zwar ein wenig aus der "Gefahrenzone" bringen dürfen, aber sich nicht komplett dem Geschehen entziehen dürfen....Im Grunde simulierst Du die mißtrauisch-vorsichtige Annäherung und steigerst in kleinen Mini-Schritten die Anforderungen... Dabei einen fröhlichen Ton als Stimmlage und auf gar keinen Fall !!! beruhigend auf Hermes einreden.... Beruhigen wollen ist menschliches Verhalten, das der Hund nicht verstehen kann - ein HUnd versteht Trösten und Beruhigen nur als "Du hast völlig Recht damit, vor diesem Ding Angst zu haben, weiter so!" und das wollen wir ja auf gar keinen Fall....
Indem DU fröhlich und sorglos mit dem Staubsauger umgehst (der immer noch still ist!), machst Du Hermes vor, dass das alles völlig in Ordnung ist.....
Wenn es dann daran geht - sobald Hermes den Staubsauger als "der ist halt da und steht da rum, manchmal bewegt er sich auch, ja und?" kennen gelernt hat - den Staubsauger auch einmal einzuschalten, kommt eine neue Komponente im Umgang mit Ängsten ins Spiel - nämlich die Wohlfühldistanz... Das könnte man z. B. folgendermaßen angehen - Du sitzt mit Hermes auf der Couch und kuschelst.... Dein Freund holt sich den Staubsauger, das darf Hermes ruhig mitkriegen, geht ins Nebenzimmer, macht den Staubsauger an (wenn er schon mal dabei ist, darf er auch ruhig ein wenig saugen
) und Du hast - je nach Reaktion von Hermes - die Wahl zwischen einfach weiterkuscheln und staubsaugen "schön" kuscheln, oder, wenn Hermes doch zusammenzuckt und erstarrt, ganz betont zur Tür zum Nebenzimmer zu kucken und in wegwerfenden Tonfall irgendwas zu sagen - Du könntest "Reibeplätzchen" sagen, Hermes versteht es ja eh nicht, aber für uns Menschen ist es hilfreich, dann auch einen "passenden" Satz zu sagen, weil dann der Tonfall automatisch stimmt, hier sinngemäß (wegwerfender tonfall): "Ach, das ist bloß der Staubsauger, los weiterknuddeln" und dann knuddeln, was das Zeug hält....
Der weitere Aufbau wäre dann so möglich, dass Dein Freund staubsaugenderweise mal in der Tür zu sehen ist, mal leicht die Türschwelle übersaugt und sich allmählich nähert.... Bis er mit einem kleinen Abstand um Euch rum staub saugen kann (Dein Freund wird die liebe Chris sehr mögen, die ihn gerade zum Haushaltsbeauftragten ernannt hat
)
Das liest sich jetzt ungeheuer langwierig - aber tatsächlich ist es so, dass die Grundlagen bei jedem Angstobjekt ja dieselben sind. Heißt, mit jedem Angstobjekt, dem Ihr Euch gemeinsam so oder ähnlich nähert, verringern sich die Zeiten zwischen den einzelnen Schritten und irgendwann genügt es dann, beim zurückweichenden Hund zu sagen "Ach, das ist nix, komm weiter"...
Wenn Hermes sich bei all diesen kleinen Übungsschritten mal (manchmal nur versehentlich beim spielen) dem "Objekt des Grauens" nähert, sofort ein freudiges "Fein" an den Welpen bringen....
Jezt ist das schon wieder so verflixt viel geworden....
Mehr später,
LG, Chris