Ich möchte die Geschichte vom Sterben meiner kleinen Schwester dalassen, die ich ihr letztes Lebensjahr größtenteils begleitet habe.
Zunächst einmal wünsche ich Dir aber die aller-, allerbeste palliativmedizinische Versorgung, die es gibt.
Und dass Du Dich fallen lassen kannst, alle nur mögliche Hilfe in Anspruch nimmst und die Zeit, die Dir auf dieser Welt noch bleibt, möglichst beschwerdefrei erleben kannst.
Ehrlich, in dieser Lebensphase sind doch sämtliche Blutwerte egal, ich würde mich nicht mehr darum sorgen.
Hast Du Dich bzw. hat sich Deine Familie darum bereits gekümmert? Warte bitte nicht zu lange, damit Du zu Hause so lange wie möglich mit Deiner Bella zusammen sein kannst.
Mit meiner Geschichte möchte ich Dir die Angst vor Krankenhäusern und/oder Hospizen nehmen, denn auch in Akutkrankenhäusern gibt es Palliativstationen mit Pflegepersonal und Ärzten mit einschlägiger Fortbildung.
(Wie sagte die eine Ärztin, die mich in der Nachsorge betreut, doch mal so schön: "Onko- und Palliativschwestern, das ist schon ein besonderer Schlag Mensch!")
Die letzten dreieinhalb Tage auf der Palliativstation bei meiner Schwester, das war die intensivste Zeit, die ich bisher in meinem Leben hatte.
Weil da einfach so viel an echten, ungefilterten Emotionen durch den Raum schwappte.
Ihre Immuntherapie musste relativ schnell abgebrochen werden, und der behandelnde Arzt stellte sich meinem Wunsch, sie nach Hause zu holen, mit den Worten entgegen, wenn seine Patienten sterben, dann bitte mit der bestmöglichen Versorgung, und die sei in der Kürze der Zeit zu Hause nicht aufzubauen; er habe auch nicht unbedingt die beste Erfahrung mit Hausärzten gemacht, die die Notwendigkeit zur Intensivierung der Versorgung nicht immer sofort erkennen.
Weil sie selber Krankenschwester war, kamen Heerscharen von ehemaligen und aktuellen Kollegen und Kolleginnen vorbei, die fast alle erst mal Rotz und Wasser heulten und dann tatkräftig mit anpackten.
Die Stationsschwestern ließen sie machen.
(Eine dieser Palliativschwestern war eine ganz junge Frau von vielleicht 25 Jahren, die so was von liebevoll und freundlich war, dass wir uns zum Abschied einfach umarmten.)
Schon bei der Verlegung von der Akut- auf die Palliativstation eines anderen Krankenhauses wurde ich von einer Kollegin in deren Auto mitgenommen.
Ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits das Handy meiner Schwester an mich genommen, und es ploppten immer mehr Nachrichten auf, wie es ihr denn ginge, so dass ich anfing zu antworten, dass meine Schwester nicht mehr reagieren konnte.
Jeder/m, der/die kommen wollte, schrieb ich, immer gerne, sprecht Euch bitte untereinander ab, denn es wurde spontan eine WhatsApp-Gruppe für sie gegründet.
Die Stationsärztin fragte mich, was man denn meiner Schwester noch Gutes tun könnte, sie hätten u. a. eine Kunst- und eine Musiktherapeutin da, und in den kurzen wachen Momenten kam so die Musiktherapeutin mit ihren Klangschalen.
Eine ehemalige Kollegin übernahm das Catering für uns Besucherinnen für die letzten beiden Tage, ihr Mann kümmerte sich derweil um den Lebensgefährten meiner Schwester, der irgendwie nicht so standfest war.
Kurzum, die ganze Szenerie mit ein bis zwei weiteren Betten und einem Ruhesessel im Zimmer hatte etwas von Jugendherbergsatmosphäre, wenn natürlich auch sehr gedämpft, und es wurde, wie in diesem Thread hier, gelacht.
Wir tauschten untereinander Schwänke aus dem Leben meiner Schwester aus, und ab und an kam eine der Schwestern vorbei, ob noch etwas benötigt würde.
Meine kleine Schwester wurde von so viel Liebe und Fürsorge und natürlich Professionalität in dieser letzten Lebensphase getragen, das kann man jedem Menschen nur wünschen.
Auch Dir, liebe Mondkalb.