Seit fast 8 Jahren lebt mein schwarzer Großspitzrüde bei mir.
Bevor er hier einzog, kannte ich die großen Vertreter dieser Rasse nicht persönlich, war aber durch die vielen Infos im Netz usw. davon überzeugt, dass es die absolute Traumrasse sein muss!
Charlie stammt aus einer VDH Zucht, also nicht von einem Bauernhofvermehrer o. ähnliches.
Was ich in diesen Jahren gelernt habe:
Es gibt große charakterliche Unterschiede zwischen den Farbschlägen.
Klar, auch spitztypische Eigenschaften, die bei allen zu finden sind.
Weiße Großspitze und Wolfsspitze sind im Verhalten um ein vielfaches gemäßigter als die schwarzen.
Im Laufe der Jahre konnte ich mit einigen, vor allem Rüdenbesitzern der großen Schwarzen meine Erfahrungen austauschen.
Um es ganz deutlich zu sagen, ein schwarzer Großspitzrüde wird sich kaum auf eine Diskussion einlassen, wenn seiner Meinung nach Gefahr besteht. Und Gefahr besteht laut seiner Meinung oft. Es ist ein knallharter Wachhund, der das auch durchzieht, egal was der Mensch dazu meint. Es sind zum großen Teil immer noch diese Spitze, die vor Jahrzehnten auf den Höfen zum Schutz von Frauen und Kindern gehalten wurden und benehmen sich entsprechend.
Da kann ich lange mit Erziehung kommen, es steckt in diesen Hunden drin. Glaub mir, ich habe es mir nicht leicht gemacht und habe viel Zeit und Geld in Trainer investiert. Es ist genau so wenig möglich, einem Hütehund das Hüten abzugewöhnen, wie einem Wachhund das Wachen!
Es war zum Beispiel sehr lange nicht möglich, mit Charlie an einzelnen Männern vorbei zu gehen. Frauen und Kinder gar kein Problem. Aber ein Mann, am besten noch alleine im Wald, da war er nicht mehr zu halten. Alleine das hat mich Jahre an Arbeit gekostet.
Wer einen Spitz kennt weiß, dass man mit einfachem Verbieten eines Verhaltens nicht weiter kommt. Dann macht er komplett dicht. Also sind Probleme dieser Art nicht über reinen Gehorsam zu lösen. Da ist Überzeugungsarbeit zu leisten. Und selbst wenn ich ihn einmal davon überzeugen kann, dass der Mensch da vorne uns nichts Böses will, fängt die Diskussion beim nächsten von vorne an.
Einige Probleme konnten wir lösen und haben zusammen gefunden. Bei vielen Dingen bleibt mir aber nur managen.
Charlie ist ein toller Hund, im Rahmen seiner Möglichkeiten! Er ist unheimlich intelligent, lernt Tricks meist nebenbei aber man darf ihn nie unterschätzen!
Und wer sagt denn, dass Spitze keinen Jagdtrieb haben???
Charlie jagt schlimmer als jeder Terrier!
Er geht auf Spur und noch extremer auf Sicht. Seine Rassebeschreibung ist ihm da total schnurz. Und er lässt sich auch mit keinem Ersatzverhalten (Futterbeutel, Reizangel,...) umlenken. Auch das habe ich mit einer speziell ausgebildeten Trainerin versucht. Also gehört er auch zu den armen Hunden, die im Wald nicht frei laufen dürfen. Da wir in einer wildreichen, ländlichen Gegend leben, war es mir sehr wichtig, einen Hund ohne Jagdtrieb zu haben. Tja nun...
Nächster Punkt: Standorttreue. Kurze Antwort: Unser Garten hat einen schönen, hohen Zaun bekommen. Mit Riegeln an den Türen, die nur von außen zu öffnen sind oder Drehknöpfen.
Seit ich Charlie habe, durfte ich auch einige Eurasier kennenlernen. Es waren durchweg Hunde, die Menschen gegenüber zwar nicht mit freudiger Labbi-Art begegneten aber doch durchaus netter und höflicher als ein schwarzer Großspitz. Auch in Gesprächen mit zwei Eurasier Züchtern bekam ich das bestätigt.
Auch Samojeden durfte ich durch einen Züchter hier im Ort schon einige kennenlernen. Ja, die kläffen wie ab und ab und an gehen die auch mal jagen. Aber sie sind um Welten freundlicher Fremden gegenüber, als Charlie!!!
Ich denke nicht, dass der schwarze Großspitz eine "schlechte" Rasse ist.
ABER: Es ist eine Rasse, die eben nicht auf unsere momentane Gesellschaft ausgelegt ist. Wenn ein Spitz vor Jahren eben jemandem, der auf den Hof kam, an den Hosen hing, dann war das halt so. Heute möchte ich über die Folgen gar nicht nachdenken.
Wer die Möglichkeit hat, mit solchen sehr speziellen Eigenschaften seines Hundes klar zu kommen, bitte, der wird Freude an ihm haben.
Aber ich sehe so einen Hund nicht auf einem offenen Hof, mit vielen fremden Leuten. Das ist nicht seine Bestimmung und das wird kaum funktionieren.
Vielleicht gibt es einzelne Exemplare, die dafür geeignet wären. Aber diese Garantie kann einem kein Züchter der Welt geben.
Wir haben das Glück, dass wir eher ruhig leben, Besuch selten kommt und ich das dann gut managen kann. Aber unser Alltag hat sich in einigen Dingen schon wegen Charlies Eigenschaften geändert, was ich mir so auch nicht vorgestellt hatte.
Es gibt in der Spitzzucht einige Menschen, die umdenken und viel Wert auf nervenstarke, alltagstaugliche Großspitze legen. Das sind meist solche, die weg gehen von der reinen Farbzucht und hin zu den bunten Spitzen. Da wird es bestimmt mehr "nette" Großspitze geben, die alltagstauglicher sind.
Liebe Grüßle
Silke mit Charlie