Gefahr in Verzug
Authentischer zu sein und mehr im Moment verankert zu agieren - das habe ich von dem vielen Hundetraining gelernt.
Man trainiert ja immer für den Ernstfall. Also so etwas wie: Die Hunde toben im Freilauf übers Feld, plötzlich kommt der Bauer mit seinem Trecker um die Ecke und fährt zwischen mir und den Hunden entlang. Was tun? Für einen Rückruf ist es zu spät, aber im wilden Spiel könnten die Hunde die Gefahr übersehen...
Für solche Situationen hatten wir beim Stopp-Konzept im Training bei Hr. Philipper den "langen Pfiff" als Signal für "Stopp. Das heißt sitz+bleib bis zur Auflösung" eingeübt. Das Training war so aufgebaut, dass ich zunächst nur Pfiff und mich vor die Hunde stellte und sie am Halsband festhielt. Das irritierte die Hunde, und sie setzten sich schließlich verdattert bis erwartungsvoll hin. Darauf gab ich frei, ließ los und lobte. Es war also weniger so, dass ich sie drängte, etwas zu tun, als viel mehr, dass ich eine Situation schuf, in der sie selber "die richtige Lösung" fanden. Das finde ich nach wie vor das genial Andere an diesem Trainingsansatz. Und auch die wirklich schrittweise Zergliederung des Trainings hat sich echt bewährt für mich: Das Ziel "auf den langen Pfiff hin sollen die Hunde sofort an Ort und Stelle sitzen bleiben" wurde in 4 Schritten trainiert. Erst "langer Pfiff= Sitzen", dann "bleiben" und später "an Ort und Stelle", und zum Schluß das "sofort". Fürs "bleiben" ließ ich einfach die Zeitspanne zwischen loslassen des Halsbandes und "Auflösen+Loben" größer werden und entfernte mich dazwischen. Standen Tata oder Dex auf, ging ich zügig zu ihnen, fasste ins Halsband bis sie saßen und löste OHNE Lob auf. Das "an Ort und Stelle" verlangte mir größere Dynamik ab, weil ich auf Entfernung arbeitete und mit dem Pfiff auf die Hunde zusprintete - später reichte ein dynamischer Schritt auf sie zu und schließlich der Pfiff. In dieser Phase kombinierte Tara den Pfiff, eine erhobene "Stopp"-Hand und später ein leise gesprochenes "Ssss" jeweils in Kombi und einzeln mit "Stopp=Sitz und bleib an Ort und Stelle". Dex kombinierte zum Pfiff, der Hand und dem "Sssss" sogar auch den aprupten Schritt auf ihn zu mit "Stopp....". Das klappt ziemlich gut, nach wie vor, und in Gefahrensituationen draußen finde ich den Pfiff gut, bei unübersichtlichen Situationen beim Joggen oder auf stark genutzten Wegen nutze ich oft das Handzeichen. Drinnen (in Geschäften oder bei Freunden) nutze ich das "Ssss". Egal was ich mache, die Hunde sind mit ihrer Aufmerksamkeit dann sofort da - bei mir und auch bei der Situation! Das ist ziemlich gut, um z.B. vor einem Kellner "zu warnen", vor dem sich Dex sonst sicher erschrecken würde, weil er gebannt die Frau am Nachbartisch beobachtet und gleichzeitig dem Kellner einen sicheren Weg zu ermöglichen. Und es macht die Leute freundlich: so brav sitzende tolle Hunde werden meist sehr viel netter behandelt (in Geschäften etc) als aufgeregt hechelnde Hunde, die mit ihrem Schwanz die Ware "abräumen"... Ganz ehrlich: oft nutze ich es einfach auch, um Tara und Dex mal zu stoppen bis eine Situation dann geordnet genug ist, dass sie auch gucken können. Tara ist nicht grade klein, und manchen Leuten nehme ich so ihre "Angst". Und Dex wiederum neigt dazu nervös zu werden - er bekommt dadurch Sicherheit. Zumal ich festgestellt habe, dass Menschen ihm oft sehr nah kommen wenn er steht (nach dem Motto: der muss gefälligst ausweichen), geht oder liegt (teilweise treten sie ihm in Restaurants fast auf Schwanz oder Pfote - dabei ist er nicht grad leicht zu übersehen), ihn aber etwas "großräumiger" umgehen, wenn er sitzt! Für den Hund oft eine echte Hilfe...
Das Trainieren der letzten Phase, also des "sofort" war schwierig für mich. Ähnlich wie beim Sprühhalsband war der Ansatz nicht, zu strafen, sondern eine "Notwendigkeit" auf Seiten der Hunde zu erzeugen, nicht erst zu gucken und dann zu sitzen, sondern erst aus dem Sitz (=Stopp) heraus zu gucken, was los ist. Auch, weil zum Sitz ja das Bleiben gehörte - und die Chancen hoch waren, dass sie eben Stoppen, egal was "los" ist. Diese Notwendigkeit entstand für die Hunde dadurch, dass ich schließlich mit dem Pfiff und dem Handzeichen und meiner Dynamik "Schepperdosen" (Metalldöschen mit Nägeln drin - natürlich sicher verschlossen!) warf, die an den Hunden (deutlich!) vorbei rollten. Und zwar so lange, bis sie saßen. Selbst bei Dex, dem Angsthasen, klappte das besser, als ich gedacht hätte (ich hatte da anfangs ein ganz mieses Gefühl, weil ich das so gemein fand, ich kannte das aber auch nur als totale Abschreckungsmaßnahme vom Rütter ausm TV...). Bei Tara ergab es sich ganz schnell, dass sie sich daran nicht störte. Angst hatte sie jedenfalls nicht! Sber als ich hartnäckig blieb wurde es ihr doch schnell zu doof mit dem Lärm...
Das "Stopp" klappte relativ bald sehr zuverlässig und ist bis heute das, wofür ich sehr dankbar bin! Auch wenn ich es in Jagd-Situationen (für die Ich am dringendsten eine Lösung gebraucht hätte...) nicht nutzen sollte. Heute nutze ich es manchmal für Dex wenn er ein Reh weiter weg stehen sieht. Allerdings nur so lange, bis es außer Sicht ist. Danach lasse ich ihn laufen und er darf die Stelle absuchen, wo das Reh stand. Das "Stopp" ist da also kein "Verbot" von etwas Tollem, sondern die Vorbereitung auf etwas Tolles. Ich geh dann auch meist mit dorthin und wir "inspizieren" den Ort gemeinsam. Und Dex setzt sich bei Rehen inzwischen selber hin. Mit Tara mache ich das nicht, denn die würde nicht nur die Stelle beschnuffeln, sondern Fährte aufnehmen... Aber das Jagdproblem ist ohnehin auf andere Weise gelöst. Im übrigen Umgang zwischen uns dreien würde ich auf das "Stopp" aber nicht mehr verzichten wollen... Es verschafft uns allen eher Sicherheit und Ruhe und Abstand, als dass es ein "Verbot" oder ein "Befehl" ist.
Wenn ich auf einem Spaziergang bin und möchte, dass die Hunde auf mich warten, dann rufe ich aber lieber einfach "Stopp" und die Hunde stehen(!) einen Moment. Meist bis ich da bin oder "weiter" sage. Das hab ich übrigens nie trainiert oder so - es hat sich einfach ergeben. Die Hunde sind ja mehrsprachig 
Was wirklich eine große Rolle spielt ist die tatsächliche Gefahr... Wenn ich das "Stopp" im Ernstfall nutze, dann klappt es zuverlässig auch oft hintereinander - selbst wenn das dann naturgemäß stressig ist für Tara und Dex. Wenn ich es "nur so übe", dann haben sie ganz schnell keinen Bock mehr drauf und sind genervt. Wohl ein wenig so, wie wenn man ständig grundlos "Hilfe" ruft - irgendwann kommt keiner mehr! Anfangs hab ich ("Stopp" , aber auch generell alles Andere) viel zu viele "Trockenübungen" gemacht. Dadurch wurde ich unauthentisch und war mehf bei fiktiven "Was wäre wenn"-Szenarien, als im tatsächlichen "Hier und Jetzt" wie es die Hunde in dem Moment mit mir erlebten. Und dadurch war ich schnell (aus hundesicht) unangemessen. Das mag für viele Hunde egal sein, weil sie nicht nach "Warum" oder "Wozu" fragen, aber für einen Aktionshund macht man sich unglaubwürdig und für einen Augenhund wird man allzu unruhig - so jedenfalls war es bei uns! Und desto "schlechter" Tara und Dex reagierten, desto einfacher wählte ich die Situationen... Selbstgemachter Frust, den ich zu verdrängen versuchte, aber vor den Hunden natürlich nicht verbergen konnte. Das haben auch alle Hundetrainer, bei denen ich war, irgendwie bemerkt und zu lockern versucht, aber keiner hat mir wirklich erklärt, dass ich letztlich mehr kaputt machte als aufbaute damit. Denn keiner hat letztlich mal darauf geschaut, dass nicht nur ICH mich AN DIE HUNDE wende, sondern auch die Hunde sich AN MICH wendeten...
Inzwischen denke ich, dass sie beide eigentlich sagten: dieser "ACHTUNG Stillsitzen! "- Pfiff ist toll, weil Du und hilfst zurecht zu klmmen in der Welt, aber Du darfst nicht in allem eine Gefahr sehen. Entspann mal!
Gerade Tara wurde immer entspannter (also - langsamer
) und hat ja vielleicht gehofft, mir abzutrainieren, ständig grundlos "Angst" zu haben (und zu pfeifen)...
Jedenfalls: seit ich authentischer bin und mich bei Gefahr auf den Pfiff verlasse, kann ich mich auch drauf verlassen. Und in Situationen, in denen ich etwas von den Hunden möchte, obwohl keine Gefahr besteht, kommuniziere ich eben anders mit ihnen. Klar - man muss trainieren! Am Anfang und später auch ab und an, aber ich glaube wirklich, das viele Hundehalter das eher übertreiben und zu viel mschen, als zu wenig (eben aus Angst heraus...).
Die Situationen, die heute wirklich "gefährlich" sind und die mich ärgern, das sind Missverständnisse....