Wie unheimlich unwichtig geworden ist, wo wer wann läuft (Teil 1)
Die Frage nach dem richtigen Abstand im Freilauf hat mich in den Wahnsinn getrieben.
Auf wie viel Meter kann ich eingreifen, wenn - auf wie viel Meter klappt der Rückruf? Bei Tara war es so, dass sie mal auf 20 m "Sitz" machte vorm Hasen, und dann wieder aus dem "Fuß" raus das Reh jagte. In der Hundeschule war sie eine "der Besten", beim Spazierenghen bildete sie oft die Vorhut, ging manchmal verloren und manchmal hatte ich das Gefühl, sie lässt sich gefühlte 500 m zurückfallen weil sie lieber alleine unterwegs ist. Und dann wieder: der "perfekte" Begleiter, immer auf Sichtkontakt, meist nur 5 - 10 m neben, vor und hinter mir...
Dexter war speziell. Er rannte nie wirklich weg, auch nicht jagen, aber er war nicht im Mindesten kontrollierbar. Mal gemütlich, über Tage und Wochen der bravste Hund an meiner Seite...und dann plötzlich: BÄMM! Ich hatte das Gefühl ich bin der Saturn, und er läuft auf meinen Ringen spazieren. Was heißt läuft: er rennt. Rast. Bellend. Unstoppbar, alles und jeden kontrollierend. Aber: lieb, der bellt nur, der beißt nicht...bis - eines Tages - ein Jogger mit langer Hose kam, die ihn "anraschelte"... zum Glück nicht den Jogger gebissen, nur die Hose. Aber: ich hatte den Kaffee auf und stellte den Hund unter Leinenzwang. Der war von dem Moment an unausgelastet, unzufrieden, hyperaktiv... Dexter ist ein Bracke-Mix, und er rennt schnell wie ein Windhund und ausdauernd wie ein Münsterländer. "Ein Laufhund" sage ich, wenn mich jemand fragt "was das für ein Hund ist"... So viel spazieren konnten wir nicht, um ihn an der Leine auszulasten. Da half auch alles Obedience, Nasenarbeit, Intelligenzspielzeug, Longieren und Apportieren nur sehr bedingt, um den Hund wieder glücklich zu machen. War dafür aber teuer und zeitintensiv 
Also hieß es: Einzeltraining. Dexter auslasten und an mich binden, mich interessant machen und ihn anleinen wenn etwas potentiell "Anbellbares" kommt. Ansonsten "abgesicherter" Freilauf mit Schleppleine... Und mit Tara spielte ich verstecken. Schaute sie sich zu lange nicht nach mir um, verschwand ich (anfangs quiekend, später piepsend) hinterm Baum. Und ich sollte immer neue und andere Wege gehen. Und beim Spaziergang füttern, Tricks einbauen, laufen, Leckerli verstecken und mit Super-Leckerli einen Super-Rückruf einüben, damit es zusätzlich zum "Hierhin" noch etwas "seltenes, nicht abgenutztes" gibt...
Die Hunderunden mit 2 Hunden, 2 Leinen, 2 Schleppleinen, Hundeleberwurst als "Superleckerchen", Trillerpfeife als "Superrückruf", Spielzeugdummie für Dexter, normalen Leckerchen für Tara und der Futterration zum "Beute verlieren" waren spitze *IRONIE*, Echt entspannend und dass ich es mit dem ganzen Krempel noch geschafft hab, hinter Bäume zu springen oder mich piepsend im Gebüsch zu verstecken, das qualifiziert mich wohl irgendwie für den Outdoor-Oscar. Geholfen hat es nichts. Die Hunde fanden es schon ok, anfangs sogar irgendwie lustig und spannend, meistens aber war es nicht das, was sie vom Spaziergang wollten... Und ich war frustriert, angestrengt "gut gelaunt", und ziemlich einsam unterwegs 
Aber etwas Gutes hat es gebracht:
meine Hunde spielen gerne verstecken mit allen möglichen Kindern. Sie bleiben sitzen und lassen die Kids außer Sicht rennen - und wenn die dann piepsen oder pfeifen, dann rennen die Hunde los. Kinder suchen. Das finden die Hunde toll, die Kinder sind begeistert und ich freu mich, dass sich Kids und Wuffis so gut verstehen! Dabei zeigt sich wieder der unterschiedliche Charakter: werden die Verstecke schwierig, dann nutzt Tara ihre sehr gute Nase und Dex rennt lieber von der Tarantel gestochen in systematischen Kreisen alles ab, was in Frage kommt. Jeder auf seine Weise sehr erfolgreich!
Das Longieren hat zu Dex eine Bindung aufgebaut. Da es (neben im Garten toben mit Tara) ja damals seine einzige Chance war, zu tun, was er am liebsten tut (rennen!), war er ganz heiß drauf und hat mich das erste Mal als "Spielpartner" wahrgenommen, mit dem er wirklich Spaß haben kann, jenseits von Leckerli, die ihn nie sehr interessiert haben. Er hat mich im Auge behalten! Von sich aus, weil "um mich herum rennen" das nötig machte. Sehr schnell lief er ohne Leine, ließ sich durch Armzeichen links- oder rechts herum schicken und näher oder weiter weg schicken. Allerdings: ohne Flatterband, Hindernisse und all zu viele komplizierte "Einlagen". Für Dexter ist "Rennen" ein Lebenszweck an sich, und "Spielen" die Art von Sozialkontakt, für die er -draußen!- zu haben war. Dass er mich auf diesem Weg als Spielpartner entdeckte, der seine Freude an HUNDRENNTDURCHDIEWELT teilt, war ein großer Schritt. Heute kann ich ihn, im Freilauf und an der Leine, sowohl über Zuruf als auch durch Handzeichen relativ zuverlässig nach links oder rechts "dirigieren", und wenn er voller Lebensfreude parallel zum Wanderweg über die Wiesen rast, dann kann ich ihn in eine "Umlaufbahn" näher heran holen. Das ist schon klasse :)
In der Zeit habe ich ein Buch gelesen über "Bindung und Beziehung beim Hund", weil mir Dex eine echte Nuss war: er HATTE eine Beziehung zu mir (reagierte auf Ansprache, nahm Futter, spielte beim Longieren mit, ließ sich streicheln...), aber keine Bindung. Im Grunde hatte ich das Gefühl, dass wir bei jeder Begegnung eine neue Beziehung knüpften, und das Band sofort riss, wenn der Moment vorbei war... In dem Buch stand viel, im Gedächtnis blieb mir sinngemäß: sobald jmn auf jmn im denken/handeln/fühlen Bezug nimmt, entsteht eine Beziehung. Zur Bindung kommt es zwischen sozialen Wesen, wenn fast alles denken/handeln/fühlen aus der Beziehung heraus geschieht.
Entgegen gängiger Hundetrainerphilosophie wollte ich es also erreichen, dass Dex "an mich denkt" wenn ich gerade nicht interagierte - dass ER eine Interaktion zu beginnen versucht. Dass er, wenn er sich langweilte, ankommt, und mich zum Spiel auffordert. Also: mich in seine zukunftsgerichteten Problemlöseversuche einbezieht! Und tatsächlich hat er schnell ganz zarte Versuche gemacht (zur Tür geschaut und dann zu mir!).), die ich sofort aufnahm und weitersponn. Schließlich ging es soweit, dass er sich vor mich setzte und mich anstuppste wenn er spielen wollte (und heute auch, wenn er irgendwas anderes braucht oder will)...
[Wer jetzt denkt, dass ich zu sehr vermenschliche: nein, tue ich nicht. Hunde denken und sind dabei auf die nahe Vergangenheit und die nahe Zukunft ausgerichtet. Nur so kann ein Hund zB die Leine anschlrppen, weil er raus will oder sich im Keller verkriechen, weil Koffer gepackt werden etc. Ich meine diese Art hündischer Intelligenz, nicht "denken/handeln/fühlen wie ein Mensch]
Tara hat bei dem ganzen Spektakel bewiesen, wie intelligent sie ist. Als sie verstanden hatte, dass es "Superleckerchen" nur bei "Superrückruf" gab, ignorierte sie "normale" Rückrufaktionen konsequent. Sobald wir eine Strecke zum 2. Mal gingen kannte sie sich aus und hatte es nicht mehr nötig, mich zu suchen. Sie fand alleine nach Hause, und das wusste sie. Tara ist selbstbewusst, lebensklug und autark. Und bei aller Bindung an mich, sie wusste schließlich auch, dass ich schon alleine klarkommen würde und auch ohne "Helikopter-Dog" überleben kann... Das hab ich so richtig erst verstanden, als ich ein Buch übers Apporttraining fand, das wenig bekannt ist in D: Die drei Charaktere. Ich las es vor allem für Dex, Tara apportiert nicht, aber was darin steht ist für wirklich jedes Hundetraining spannend. Die Autorin beschreibt drei Typen (eigentlich 6, je nach Ausprägung, aber gut...), die sie bei Hunden ausmacht. Der eine Typ erkennt das Problem und löst selbstständig. So ein Hund ist selbstbewusst, stabil, oft gutmütig - und schwer zu korrigieren. Eigentlich ist so ein Hund nur korrigierbar über die Erfahrung: ich kann es nicht allein. Bei solchen Hunden werden Befehle und Anweisungen aus Sicht des Hundes bestenfalls zu "Hintergrundrauschen", schlimmstenfalls zu "Hindernissen". Und wenn solch ein Hund dann noch Erfolg hat....... - hat Mensch verloren. So ein Hund ist Tara! Und Stück für Stück wurde mir klar, WIE erfolgreich sie ist, wie gut sie klar kommt und wie wenig Hilfe sie (aus ihrer Sicht) brauchte. Das Fatale daran war natürlich ihre krasse Fehleinschätzung: ein Hund weiß nicht um potentielle Gefahren im Straßenverkehr, durch Jäger oder das Ordnungsamt... Die Autorin empfahl beim Apportiertraining mit solchen Hunden, ihnen einerseits ganz viel Selbstständigkeit zu erlauben (Hauptsache sie finden alle Dummies, egal ob mit der Nase oder durch Sicht etc.) , andererseits arbeitete sie mit "fiesen" Tricks: im Gebüsch versteckte Helfer entfernen ausgelegte (und nur zum Schein geworfene) Doppeldummies über eine Schnur, wenn der Hund etwas "unerwünschtes" macht. Der Hundeführer lässt den Hund nach einmaligem Korrekturversuch gewissermaßen achselzuckend machen - und eben damit NICHT erfolgreich sein...